Vor ein paar Jahren habe ich in der Familienkirche die Geschichte des Turmbaus zu Babel erzählt (Gen 11). Das ist eine Art Ursprungsmythos: Als die Menschen alle noch dieselbe Sprache hatten, wollten sie berühmt werden und auf immer zusammen bleiben. Dazu planten sie einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reicht. Doch Gott verhinderte das. Er verwirrte die Menschen, plötzlich redeten sie verschiedene Sprachen und verteilten sich über die ganze Welt.

Eine spannende Geschichte! Aber welcher „Clou“ kommt bei den Kindern an? „Liebe Kinder, Gott mag keine Türme! Deshalb hat er den Turm damals kaputt gemacht.“ ??? – Nicht sehr sinnvoll. Und für Kinder, die mit wahrer Leidenschaft Türme bauen und wieder umschmeißen, zu Recht völlig unverständlich.

Deshalb ein Vorschlag von den „Erfindern“ der Familienkirche: Lasst die Kinder eine Stadt bauen. Und baut dann – aus denselben Bausteinen – einen Turm. Wir haben das so gemacht. Die Kinder mussten ihre eben noch liebevoll gestaltete Stadt zerstören und erlebten am eigenen Leib, wie es ist, für EINE Idee ALLES opfern zu müssen. Die Kinder wollten ihre Stadt behalten und haben gegen den Turm protestiert.

Was die können, können wir auch: Wir bauten eine Stadt aus Schuhschachteln. Die Kinder verzierten sie liebevoll (in Ermangelung an Dächern und Bäumen, legten wir Glasperlen und Moosgummi auf die „Häuser“ – hat hübsch ausgeschaut!). Dann kam mein Vorschlag: Bauen wir doch einen Turm. Allgemeiner Aufschrei: „Ja, wir bauen einen Turm!“ Und schon flogen Schuhschachteln durch den Raum, die Verzierungen der Häuser landeten am Boden, ein besonders großer Konfi wurde zum Bauen eingesetzt. Ein sehr hoher, etwas wackeliger Turm entstand aus der Hälfte der Schuhschachteln – und kein Kind protestierte auch nur im Geringsten.

Ich war etwas ratlos und probierte es mit Gewalt. Neuer Vorschlag: Der Turm wackelt noch so, bauen wir eine zweite Reihe, damit er nicht umfällt. Wieder große Begeisterung: „Ja, der Turm soll gut stehen, wir bauen eine zweite Reihe!“

Die Kinder stürzten sich auf die restlichen Schuhschachteln, die Stadt verschwand, der Konfi stand bereit und half, den Turm besonders stabil zu bauen. – Protest? Fehlanzeige.

… Liebe Kinder, hab ich euch schon gesagt, dass Gott keine Türme mag? … ??

Jetzt war ich wirklich ratlos.

Ein Ausweg fiel mir ein und ich fragte: „Sagt einmal, wo wohnen denn jetzt alle Leute?“

Darauf Lilith, begeistert und voller Überzeugung: „Die wohnen im Turm!“

Mist, noch ein Versuch: „Das ist aber schon blöd, stell dir vor, du wohnst ganz oben im Turm und musst immer zum Einkaufen alle Stockwerke runter und wieder rauf gehen. Das ist ja voll anstrengend!“

Wieder Lilith: „Die können gar nicht mehr einkaufen gehen. Wir haben ja alle Geschäfte kaputt gemacht!“

 

😉

Danke, Lilith!

(Die Kinder sind wirklich nicht zu verurteilen und ich möchte auch nicht moralisieren, wo es nichts zu moralisieren gibt – trotzdem eine Frage an uns Erwachsene: Etwas erschreckend ist es schon, wie schnell es geht, dass für Selbstverwirklichung und Erfolg soziale Gefüge geopfert werden, oder? Und dann fällt uns das vielleicht nicht einmal auf!)

Angelika Petritsch